Statusupdate Aberystwyth #2

Aberystwyth

Es ist nicht alles toll

Die Film und Serienhelden die ich am liebsten sehe, sind die, die scheitern, die Probleme mit sich und der Welt haben, die trotzdem weiter kämpfen und trotzdem nicht immer gewinnen. Aber in meinen eigenen Blogeinträgen stelle ich mich gerne so da, als wären meine Abenteuer kein Problem für mich. Schließlich soll ja niemand von mir denken, dass ich tatsächlich auch mal überfordert bin oder die Erwartungen anderer nicht erfüllen kann. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht der Einzige bin, der es so macht. Niemand gesteht sich gerne Schwächen ein.

In diesem Fall wollte ich mir sogar selbst nicht eingestehen, dass es zu viel für mich ist. Bis ich eines morgens mit solchen Zahnschmerzen in den Backenzähnen aufgewacht bin, dass ich meine Zähne beim Frühstück kaum zusammenbeißen konnte. Schon irgendwie blöd, wenn einen der eigene Körper vor Augen führt, dass es gerade nicht so ist, wie man es gerne hätte und einem zum Umdenken zwingt. Zähne knirschen oder zusammenbeißen, ist etwas, was man aufgrund von Stress macht. Es ist auch gar nicht so selten. Meine Freundin hat mir schon ein paar mal mitgeteilt, dass ich das wohl nachts ab und an mache. Bis jetzt habe ich davon aber am nächsten Morgen nichts gemerkt.

Die Ursachen

Wenn man mal etwas darüber nachdenkt, ist das aber nicht besonders verwunderlich, dass ich momentan so gestresst bin. Ich bin gerade in eine völlig fremde Umgebung gezogen, wo nicht mal meine Muttersprache gesprochen wird. Ich bin getrennt von meinen Liebsten (Wink an meine Freundin) und habe eine Menge organisatorischer und persönlicher Aufgaben zu bewältigen. Aber mal der Reihe nach:

Die Sprache: Englisch war für mich schon immer eine Herausforderung. Mich jetzt überwiegend auf Englisch unterhalten zu müssen, ist für mich nicht einfach. Ich bin in meinem Vokabular eingeschränkter und kann mich nicht so frei bewegen. Ich scheitere ab und zu an den einfachsten Dingen. Auch mit meinen neuen Freunden kann ich nicht über alles reden, weil mir einfach die Wörter fehlen. Und das ist frustrierend. Zuhören und verstehen klappt im Großen und Ganzen ziemlich gut. Aber ich werde schneller müde und unkonzentriert, als wenn jemand auf Deutsch mit mir spricht.

Der Umzug: Ich bin schon ein paar mal umgezogen. Jeder Umzug ist Stress. Ich ziehe in eine Gegend, wo ich die Straßen nicht kenne und jede Örtlichkeit auf Google Maps suchen muss. Ich muss hier so viel noch entdecken und finden. Auch neue Bekanntschaften. Ich habe knapp 2 Wochen gebraucht, um die Nahrungsmittel für meinen Tagesbedarf in all den Läden zu finden. Der WG Haushalt ist immer noch in der Entstehungsphase. Die Regeln für das gemeinsame Zusammenleben entwickeln sich erst langsam. Dieser Umzugs- und „Zuhause Gefühl“ Prozess ist normal und dauert seine Zeit. Er stresst mich aber auch.

Die Freundin: Noch nie zuvor war ich so lange von meiner Freundin räumlich getrennt. Liebe ist auch etwas Körperliches und diese körperliche Komponente fällt gerade weg. Deswegen fürchte ich, dass ich da auch eine Art körperlichen Entzug durchmache. Dazu kommen regelmäßig die Momente in denen ich denke „das wäre jetzt viel schöner, wenn sie hier wäre“ und das Vermissen setzt ein. Natürlich skypen wir regelmäßig, aber das Gleiche ist es trotzdem nicht.
Ich habe auch die Rolle der „vertrauten Person, mit der ich über alles reden kann“. Das ist momentan auch meine Freundin für mich. Mir fehlt aber eigentlich auch ein lokaler Seelensorger.

Der Papierkram: Meinen Stundenplan muss ich mir selbst zusammen suchen, dabei darf nichts kollidieren. Deshalb muss ich mit den Vorlesungen etwas basteln und kann nicht jede Vorlesung besuchen, die ich gerne besuchen würde. Dazu hatte ich auch schon eine Vorlesung, die mir schon bei der Einführungsveranstaltung überhaupt nicht zugesagt hat. Ich habe diese dann auch lieber schnell gewechselt. Trotzdem bedeutet das Papierkram. Auch meine Finanzen muss ich in Ordnung halten, noch mehr Schriftverkehr. Dazu gibt es noch so viele Menschen, die hier und da etwas von mir wollen und ich bin mit meinen E-Mail Postfach chronisch im Rückstand.

Dazu kommt das Leben. In diesem Beispiel habe ich mich abends ziemlich über irgendeine Belanglosigkeit aufgeregt und bin mit dieser Wut im Bauch eingeschlafen.

Was tun?

Natürlich war mir irgendwo bewusst, dass das alles auf mich zukommen würde. Da muss man halt die Zähne zusammen beißen und durch. Und genau das habe ich wohl im Schlaf auch gemacht. Mit dem Resultat schmerzender Zähne und noch einem neuen Problem, um das ich mich kümmern musste.

Ein wenig Papierkram, etwas Warten und einem Zahnarztbesuch später stellte sich heraus, dass meine Zähne sich bester Gesundheit erfreuen. Der Stress war anscheinend auch schon wieder abgeebbt. Denn den Tag vor dem Zahnarzttermin taten meine Zähne nicht weh. Eine Behandlung mit einem Gebissschutz lohnt sich nicht. Ab jetzt mache ich Abends ein paar Entspannungsübungen und versuche nicht noch einmal so aufgeregt einzuschlafen. Zudem habe ich mir die Tage danach auch ein bisschen Auszeit gegönnt und einfach ein paar Stunden nichts gemacht.

Ich denke, dass sich der Stress auch schon langsam wieder legt und ich dieses Abenteuer wieder voll genießen kann.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch mal anmerken, dass sich die Universität hier wirklich Mühe mit den internationalen Studenten gibt. Bis jetzt sind hier alle durchweg freundlich und ich habe mehr als genug Ansprechpartner für alles Mögliche bekommen.

Das Schöne

Aberystwyth

Es ist nachmittags. Ich bin auf einem Einkaufstrip absichtlich falsch abgebogen und stehe nun am Strand. Es ist Ebbe, das Meer ist ruhig und der Himmel ist blau. Felsen ragen aus dem Sand. Ich schlendere über den steinigen Strand, genieße den Sonnenschein auf meiner Haut und die leichte Briese, die durch mein Haar streicht. In meinen Kopfhörern läuft ein Soundtrack mit epischen Klängen. Ich gehe langsam zu den Felsen. Spaziere über sie. Streichle sie. Der Stein fühlt sich geschmeidig, fast weich und ziemlich warm an. Ich erinnere mich daran, dass hier vor ein paar Tagen ganz schöner Wellengang bei Flut war und das Wasser weit in den Hafen peitschte. Der Fels auf dem ich gerade stand, war an diesem Tag nicht mal zu erahnen. Beide Tage sind für sich allein schon spektakulär aber dieser Kontrast zwischen diesen beiden Tagen… wow. Selbst das Meer hat ruhige und wilde Tage. Tage an denen es fast still steht und Tage an dem die Wellen an den Pier peitschen und ihn fast verschlingen. Ich spaziere noch etwas über die Felsen, durch den steinigen Sand und zurück Richtung Straße und mache ich mich dann langsam wieder auf dem Weg zurück in die Stadt.

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